Research Center for the History of Transformations (RECET)

 

(English version below)

 

RECET nimmt den Umbruch in Mittel- und Osteuropa nach 1989 zum Ausgangspunkt europäisch und global angelegter Vergleiche über Arbeitswelten, Wirtschaftsdenken und Reformpolitiken. Es geht außerdem um deren soziale und politische Folgen, darunter die stark gestiegene Arbeitsmigration und das Aufkommen rechtspopulistischer und rechtsradikaler Bewegungen.

Der Begriff der Transformation ist von Karl Polanyi inspiriert, um die nach 1989 bestimmenden und miteinander gekoppelten Teloi der unbeschränkten Marktwirtschaft und liberalen Demokratie zu hinterfragen, eine longue duree-Perspektive auf das „lange“ 20. Jahrhundert einzunehmen und die interdisziplinären Verbindungen zur Soziologie, Ökonomie sowie Kultur- und Sozialanthropologie zu betonen. RECET wird mit dem an Philipp Ther verliehenen Wittgenstein-Preis von 2019 finanziert und in Kooperation mit der sozialwissenschaftlichen Fakultät, dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sowie dem Department für Non-Profit-Organizations an der Wirtschaftsuniversität Wien als interdisziplinärer Forschungsverbund etabliert. 

Beim ersten Forschungsfeld Arbeitswelten und "Transformation from below" stehen (post-)industrielle Regionen und Standorte im Vordergrund. RECET entwickelt dabei ein seit 2016 laufendes komparatives Projekt über (post)sozialistische Großunternehmen weiter und legt einen Schwerpunkt auf den Schiffsbau, der als Symbol der sozialistischen und kapitalistischen Hochmoderne sowie aufgrund seiner globalen Ausrichtung und Konkurrenzverhältnisse für weltweite Vergleiche besonders geeignet ist. Aufgrund des Vorlaufs im Rahmen eines bilateralen DFG-FWF-Projekts liegen bereits detaillierte Forschungsergebnisse und methodische Erfahrungen an der Schnittstelle zwischen Sozialgeschichte und Sozialwissenschaften vor, die nun für global angelegte Vergleiche, insbesondere zwischen Osteuropa und Ostasien, genutzt werden können. Außerdem eignet sich dieses Forschungsfeld, um die neu abgeschlossenen Kooperationen der Universität Wien mit der Fudan University und der University of Kyoto mit konkreten Inhalten zu stärken.

Beim zweiten Schwerpunkt über das Wirtschaftsdenken und Reformpolitiken geht es um den Wandel ökonomischer Paradigmata und Reformkonzepte. Empirisch richtet sich das Interesse auf internationale Finanzorganisationen, die Adaption ihrer Vorgaben in nationalstaatlichen Wirtschaftspolitiken (in Ostasien, Osteuropa und, wegen des Zusammenhangs mit dem Washington Consensus, Lateinamerika, sowie nach der Finanzkrise von 2008/09 Südeuropa) und transnationale Feedback-Prozesse auf die IFI, die EU und auf einzelne Länder. Außerdem sollen erneut in vergleichender und transfergeschichtlicher Perspektive die sozialen Folgen, insbesondere regionale, schicht-, gender- und generationsspezifische Divergenzen sowie gesellschaftliche und politische Reaktionen auf neoliberale Wirtschaftspolitiken untersucht werden.

Das dritte Forschungsfeld befasst sich mit sozialen Bewegungen und Freiwilligkeit. Im Gegensatz zum Paradigma der Civil Society, das nach 1989 in Ost und West sehr beliebt und eng mit den damaligen Transformationsdiskursen verbunden war, wird sich dieser Schwerpunkt auch mit sozialen Bewegungen befassen, die eine dezidiert antiliberale Agenda verfolgen. Rechtsradikale Verbände und Parteien nutzen die offenen Grenzen in Europa und die schwachen rechtsstaatlichen Strukturen in den postsozialistischen Staaten zu einer transnationalen Vernetzung und gegenseitigen Verstärkung. Diese Entwicklung weist manche Parallelen zur Zwischenkriegszeit auf, so dass erneut diachrone Vergleiche und Bezüge für eine Verbindung von Geschichte und Sozialwissenschaften (in diesem Feld vor allem die Sozial- und Kulturanthropologie) fruchtbar gemacht werden können. Außerdem wird im Rahmen dieses Schwerpunkts in Zusammenarbeit mit dem Department für Non-Profit-Organizations an der WU ein bereits bestehendes Projekt über Volunteerism und Freiwillige Feuerwehren weiterentwickelt.

Soziale Disruptionen wie nach 1918 und nach 1989 hatten verstärkte regionale und globale Arbeitsmigration zur Folge. Während bei den Migration Studies bislang meist die Zielländer im Vordergrund standen, sollen in diesem dritten Forschungsfeld vor allem die (überwiegend ländlichen) Herkunftsregionen und –orte von internationalen Arbeitsmigranten untersucht werden. Auch hier gibt es einigen Vorlauf, unter anderem durch zwei abgeschlossene bzw. kurz vor dem Abschluss stehende Dissertationsprojekte über die Westukraine und europäische sowie globale Migrationsnetzwerke.

Der Forschungsverbund ist offen für weitere Felder und Themen, die sich aus den Vorschlägen der nationalen Forschungspartner sowie der Bewerberinnen und Bewerber auf die Anfang 2020 ausgeschriebenen Stellen ergeben.

Die hier skizzierten Forschungsfelder sind zahlreichen Historikern und Sozialwissenschaftlern mit einem Osteuropa-Schwerpunkt vertraut. Das heißt jedoch nicht, dass sie ausschließlich im östlichen Europa anzutreffen sind. Der Forschungsverbund folgt daher dem Konzept der Comparative Area Studies und wird je nach Forschungsthema europäisch oder global vergleichen, insbesondere mit Ostasien und über den Begriff der Kotransformation mit westlichen Ländern.

Ein weiteres Anliegen des Forschungsverbunds ist die Erneuerung der Sozialgeschichte in enger Verbindung mit der polnischen Tradition der historischen Soziologie sowie der Sozial- und Kulturanthropologie. Dabei geht es insbesondere um die Verbindung von Makro- und Mikroebenen der Forschung und eine (u.a. auf Georg Simmel basierende) handlungszentrierte Sozialgeschichtsschreibung und Gesellschaftsanalysen.

Ferner wird mit Blick auf die grundsätzliche Herausforderung der Wissenschaft durch den Rechtspopulismus sowie das veränderte Informations- und Kommunikationsverhalten unter jüngeren Menschen angestrebt, Best Practices der Wissenschaftskommunikation zu entwickeln und die Social Media so zu bedienen, dass in verschiedenen Sprachen (englisch, deutsch und als osteuropäische Regionalsprache polnisch, evtl. als Zukunftsprojekt chinesisch) eine breitere, weniger wissenschaftsaffine Öffentlichkeit ebenso erreicht werden kann wie nicht mehr buch-orientierte Studierende.

 

 

 

RECET uses the post-1989 transformations in Central and Eastern Europe as a starting point for analysis of labor, economic thought and reform politics in a global comparative perspective. A further focus is put on their social and political consequences, including the sharp rise in labor migration and the emergence of right-wing populist, extremist, and authoritarian movements. Karl Polanyi´s seminal book “The Great Transformation” contradicts the double teloi of marketization and democratization, which became hegemonic on a global level after 1989. Polanyi also inspires RECET to take a long-durée perspective on transformations, with emphasis on the interdisciplinary connections to sociology, economics, and cultural and social anthropology.

The Research Center on the History of Transformation is based on cooperation between the Faculty of History and Cultural Studies and the Faculty of Social Sciences at the University of Vienna, the Vienna Institute for International Economics Studies (WIIW) and the Department for Non-Profit Organizations at Vienna University of Economics and Business. RECET is initially financed by funds from the Wittgenstein Prize received by Philipp Ther in 2019, further third-party funding, and the Rectorate of the University of Vienna.

The first field of research, Labor and Transformation "From Below," examines (post-)industrial regions and places. Since 2016, the first nucleus of RECET has been developing a comparative project on post(socialist) large enterprises, with a focus on shipbuilding; as a symbol of both socialist and capitalist high modernity and global in orientation and competition, the sector lends itself particularly well to global comparisons. A pilot project financed by the National Research Funds in Austria and Germany (FWF and DFG) has already produced detailed findings and methodological experience at the intersection between social history and the social sciences which can now be exploited for global comparisons, especially between Eastern Europe and East Asia. This field of research also lends itself to strengthening recently secured cooperation between the University of Vienna and Fudan University and the University of Kyoto.

The second focus, Economic Thought and Reform Politics, considers the transformation of economic paradigms and reform concepts via empirical analysis of international financial organizations, the adaption of their guidelines in national economic policies (in East Asia, Eastern Europe, Latin America (due to the Washington Consensus) and, following the financial crisis of 2008/09, Southern Europe) and transnational feedback processes impacting on IFIs, the EU and individual countries. Here too, a comparative approach and a perspective embedded in the history of transfer will examine the social consequences, particularly regional, generational, and class- and gender-specific divergences, and societal and political responses to neoliberal economic policies. Since 2019, this has also been the focus of the research project “Economic Collectivism: Old and New. Lessons from the Communist and Post-Communist Experience” led by János Kovács.

The third field of research is concerned with Social Movements and Volunteerism. In contrast to the paradigm to Civil Society, which enjoyed great popularity in East and West after 1989 and was closely connected to the transformation discourses of the time, here the focus is extended to social movements pursuing a decidedly anti-liberal agenda. Far-right associations and parties use the open borders in Europe and the weak legal structures in the post-socialist states for transnational networking and reciprocal reinforcement. This development has some parallels with the interwar period; here too, diachronic comparisons and references can prove fruitful for a combination of history and the social sciences (in this context, particularly social and cultural anthropology). Within this framework, an ongoing project on volunteerism and voluntary fire fighters is expanded in cooperation with the Department for Non-Profit Organizations at Vienna University of Economics and Business.

Social disruptions such as those in the wake of 1918 and 1989 brought about an increase in regional and global labor migration. While migration studies have hitherto largely focused on the destination countries, this third field of research shall mainly consider international labor migrants’ (predominantly rural) regions and places of origin. Here too, pilot studies exist in the form of two recent doctoral theses on Western Ukraine and European and global migration networks.

Moreover, RECET has recently acquired external funding for the nucleus of a focus combining literary studies, musicology and cultural studies. The research centre is generally open to further fields and subjects proposed by its international research partners and applicants for the positions advertised in early 2020.

The research fields outlined here are familiar to many historian and social scientists working on Eastern Europe. However, that does not imply that they are only valid in post-communits Europe. The research center thus follows the concept of Comparative Area Studies, working on a global level, particularly with respect to East Asia, and on the European level in examining co-transformations in the context of Western countries.

A further aim of the Research Center is the revival of social history in close connection with the Polish tradition of historical sociology and social and cultural anthropology. Here the focus is especially on the connection between macro- and micro-level research and action-oriented social historiography and social analysis (drawing inter alia on Georg Simmel).

 

 

The Research Center has been preceded by the Research Cluster for the Study of East Central Europe and the History of Transformations. The research cluster specializes in interdisciplinary research about late state socialism and the post-1989 transformation from a historical perspective. The nucleus of RECET with its methods and empirical work have been inspired by close interdisciplinary cooperation with sociology, economy, cultural anthropology, musicology and Oral History.

People and Projects of the Research Cluster